Liebe Eltern,
heute konnte ich endlich meinen frisch ausgesäten Rasen zum allerersten Mal mähen und mit ein wenig Stolz das Ergebnis betrachten. Nebenbei hörte ich über meine Airpods meinen momentanen Lieblingssänger.
Montez. Und in diesem Moment wurde das Lied „Wenn du mich fragst“ abgespielt. Kennen Sie dieses Lied? Der Textinhalt des Liedes brachte mich zum Nachdenken.
„Wenn du mich fragst, wie es war, als wir Kinder war’n sag ich…
Die Welt ging bis zum Ende unsrer Straße und zurück.
…Ich klingel bei dir an der Tür, steh mit dem Fahrrad in der Einfahrt, und im Baumhaus sind nur wir, weil von den Großen keiner reindarf! Und das Schlimmste, was passier’n kann, sind ein paar Kratzer auf’m Arm.
All die Flecken in der Jeans kriegen wir nie wieder raus. Doch das war die beste Zeit überhaupt!“
(Montez, Wenn du mich fragst)
Ich habe mich sofort in meine Kindheit zurück katapultiert gefühlt. Es waren immer Kinder auf der Straße, wir spielten solange draußen, bis mein Vater vom Balkon unseres Hochhauses pfiff, indem wir damals wohnten, und wir wussten, nun ist es Zeit heim zu gehen.
Die Veränderung hat schon lange begonnen
Ja, die Welt unserer Kinder hat schon lange begonnen, sich zu verändern. Die größte Veränderung meiner Meinung nach zeigt sich in der Digitalisierung. Früher hatten wir nur ein Telefon zuhause, um Verabredungen treffen zu können, aber wenn wir uns zurückerinnern, wurden diese Verabredungen bereits im Kindergarten getroffen, oder man stand einfach vor der Haustür des anderen, bzw. traf sich auf der Straße. Heutzutage gilt es erst einmal einen Termin, neben dem langen Tag im Kindergarten und neben den anderen Freizeitgestaltungen zu finden. Doch die Zeit, um am Handy oder Tablet zu verbringen, ist erschreckenderweise doch immer da und sehr hoch. Viele Kinder verbringen teilweise zwei Stunden oder mehr, vor dem Fernseher, der Konsole oder dem Tablet. Nebenbei wird Abendbrot gegessen, und ein gemeinsames Essen oder geschweige denn eine gemeinsame Unterhaltung über den Tag, findet kaum noch statt.
Es werden dadurch keine digitalen Kompetenzen erworben, sondern es werden Ablenkungen erschaffen, die die Entwicklung des Kindes beeinflussen können.
Fehlender Raum und fehlende Zeit
Die „Räume“ der Kinder werden immer mehr eingeengt. In der Woche gibt es kaum Spielzeiten, welche die Kinder zur freien Verfügung haben. Die Ausweitung von einigen Hobbies innerhalb der Woche und ein reichhaltiges Bildungsangebot stehen hoch im Kurs. Des Weiteren sind die Ängste der Eltern größer geworden. Einige Kinder tragen einen kleinen Airtag, versteckt in der Kleidung, welche Sie im Kindergarten tragen, größere Kinder tragen eine Uhr oder sogar schon ein Smartphone mit sich, womit die Kinder geortet werden können. Die Leichtigkeit ist verschwunden, die Kontrolle nimmt zu und die Ängste werden immer mehr.
Eltern versuchen Ihre Kinder immer mehr Bedürfnisorientiert zu erziehen, erkennen jedoch häufig nicht den Unterschied zwischen einem Bedürfnis des Kindes oder einem Wunsch. Nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden. Es dürfen teilweise auch unerfüllte Wünsche bleiben. Bedürfnisse jedoch benötigen Ihren Raum um erkannt und erfüllt werden zu können.
Früher wurde weniger auf die Wünsche und die Meinung der Kinder eingegangen. Da gab es keine großen Diskussionen über bestimmte Dinge, sondern die Eltern entschieden. Ob dies immer besser war. Ich denke nicht. Es gab keine anscheinend bessere Kindheit in der Vergangenheit und heut geht es eher darum was entwicklungsförderlich für die Kinder ist, und welche Dinge sich gesellschaftlich verändert haben, die die positive Entwicklung verhindern könnten.
Entwicklung benötigt Zeit, Ruhe und vielfältige Gelegenheiten für Selbstbildungsprozesse
Ein anderer Unterschied liegt ebenfalls versteckt in der Zeit und der Ruhe, die heutzutage häufig fehlt. Die Zeit um selbstmotiviert und ohne Anleitung die Welt zu entdecken, fehlt immer mehr. Früher haben wir als Kinder auf wenig befahrenen Straßen gespielt, in den Innenhöfen, in Parkanlagen oder in den Gärten. Das soziale Umfeld war ein anderes und konnte durch freie Zeit mit seinen persönlichen Vorlieben gestaltet werden.
Kinder sind nach wie vor neugierig, wahrnehmungsoffen und an allem interessiert. Jedes Kind will aktiv sein und seine Umgebung erforschen. All dies prägt später seine Haltung, wie es sein Leben später gestaltet und wie es sich in seinem Umfeld den Mitmenschen gegenüber verhält.
Erschreckend ist die Entwicklung dahingehend, dass Kinder immer weniger ihren Entwicklungsverlauf aktiv mitbestimmen können. Lange Tage im Kindergarten, und danach weitere Aktivitäten wie Schwimmkurse, Sportvereine, Musikschule etc. nehmen den Kindern den Rahmen Zeit für sich zu haben und andere Interessen zu finden. Und dann entsteht, wenn doch mal eine kurze Phase der Ruhe und Zeit vorhanden ist das Phänomen, mir ist langweilig, ich weiß nicht, was ich machen soll. Aber gerade aus dieser Langeweile, entstehen Ideen und Gedanken. Kinder benötigen kein Zimmer voller Spielzeug, um sich gut zu entwickeln. Sie benötigen das Richtige Spielzeug, um daraus kreativ etwas entstehen zu lassen. Um Bildung entstehen zu lassen. Statt der fertigen Hotwheels Bahn, können aus Zewa Rollen Tunnel entstehen, und aus der Kiste der Autos wird die Parkgarage, aus Reststoffen werden Barbiekleider genäht und aus den Decken im Wohnzimmer wird eine Höhle gebaut.
Bildung und Leistung an erster Stelle
In unserer heutigen Gesellschaft haben Bildung und Leistung einen sehr hohen Stellenwert. Leider gehen dann unter diesem Leistungsdruck teilweise Dinge wie Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und Frustrationstoleranz verloren. Kinder müssen lernen Misserfolge zu ertragen, denn ja, man lernt am besten aus seinen Fehlern. Und wieviel Freude kann es machen, am Ende eine richtig coole Bahn aus Zewa Rollen für die Autos gebaut zu haben, und aus seinen Fehlern beim Bauen gelernt zu haben.
Wie aber können wir diese Entwicklung ein wenig aufhalten, und wieder mehr Leichtigkeit in die Erziehung der Kinder bringen, und somit auch wieder mehr Freiräume, um sich selber interessenorientiert entfalten zu können, in einem Raum voller Ruhe und Zeit?
Alltag, Familie und gemeinsames Erleben als Bildungsräume
Zunächst benötigen die Kinder eine feste Bezugs- und Bindungsperson, der sie in vollem Umfang vertrauen können, die Ihnen Sicherheit, Zuverlässigkeit und Authentizität vermittelt.
Auf den Punkt gebracht, Sie brauchen Sie, die Eltern, als Vorbilder, damit Sie von Ihnen als Eltern lernen können, damit aus Ihren Kindern lebendige, staunende, mitfühlende, wissende, handlungsaktive, mutige, risikobereite und zuverlässige Menschen werden.
Wie können Sie dies erreichen?
Lassen Sie wieder mehr Leichtigkeit in Ihr Leben, lesen Sie weniger Fachbücher über Erziehung, die Ihnen Druck machen alles richtig zu machen, vergleichen Sie sich nicht mit anderen Familien. Hören Sie auf Ihren Bauch! Vertrauen Sie! Es gibt in der Erziehung kein richtig oder falsch! Fehler passieren. Auch in der Erziehung!
Zudem lassen Sie Ihrem Kind die Möglichkeit sich auszuprobieren und die Welt zu entdecken. Zeigen Sie Ihrem Kind nicht die Eule auf ihrem Smartphone, sondern gehen Sie los und versuchen Sie gemeinsam welche zu finden. Bauen Sie aus unendlich vielen Klopapierrollen eine Murmelbahn an der Fensterscheibe. Und ja, setzen Sie sich zuhause ruhig mal mit ihrem Kaffee oder Tee hin und beobachten Sie Ihr Kind beim Spielen. Sie müssen nicht der Spielanleiter und Ideengeber sein. Langeweile ist etwas, was jedes Kind aushalten und lernen muss, um die Ruhe zu bekommen, eigene Ideen und Gedanken zu entwickeln. Und glauben Sie mir, Ihr Kind wird so viel mehr lernen, wenn es an der Fensterscheibe aus Klopapierrollen seine eigene Murmelbahn baut. Aus den dabei gewonnen Erfahrungen kann Ihr Kind Lösungsstrategien entwickeln und mathematische Kenntnisse und Logik entwickeln sich ganz nebenbei.
Haben auch Sie als Kind früher Höhlen unter dem Tisch im Wohnzimmer gebaut? Erinnern Sie sich an dieses Gefühl, welches Sie dabei hatten? Am besten war es sonntags, alle waren zuhause, die Kaffeemaschine der Eltern blubberte im Hintergrund und der Geruch des Kaffees durchströmte durch die Wohnung. In der Höhle selber erfanden wir die spannendsten Abenteuer, oder erlebten dort die gemütlichsten Stunden. Einfach eben nur zuhause!
Versuchen Sie Ihre eigenen Tage und die Ihrer Kinder nicht ganz so voll zu packen, damit auch Ruhe und Zeit entstehen kann. Auch ohne irgendwelche Medien. Die Welt da draußen ist so unglaublich spannend und faszinierend wie eh und je. Lassen Sie uns gemeinsam ein wenig von Früher wieder nach Hause holen, ein wenig Leichtigkeit, mehr Entdeckungsfreude, ein bisschen weniger Sorgen, mehr Vertrauen und viel mehr Zeit.
