Liebe Eltern,
erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie das Erste Mal Ihr Kind auf dem Arm hielten? Die Liebe Ihres Lebens! Ich glaube, ich kann da für alle Eltern sprechen, dass es kaum eine vergleichbarere Liebe gibt als die zu seinem eigenen Kind.
Irgendwann werden diese Kinder älter, beginnen selbstständiger zu werden und benötigen einen nicht mehr ganz so intensiv wie zuvor. Und glauben Sie mir, dies wird je älter Ihr Kind wird, immer mehr. Und dieser Prozess ist gar nicht leicht. Die Kinder beginnen Erfahrungen ohne Sie an der Seite zu haben, zu sammeln. Dabei wünscht man sich doch nur ein enges Verhältnis zu seinen Kindern. Man möchte, dass Sie einem alles erzählen können, mit einem Lachen, Ihre Sorgen teilen und gerne Zeit mit uns verbringen.
Viele möchten dabei gerne nicht nur Mama und Papa sein, sondern auch der beste Freund. Jemand, dem sie vertrauen, mit dem die Pferde stehlen können und bei dem sie sich rundum wohlfühlen.
Doch genau hier liegt der Fehler.
Sie können Ihrem Kind nah sein, ohne der beste Freund oder die beste Freundin sein zu müssen. Und manchmal ist es sogar wichtig, dass Sie es nicht sind!
Eltern haben eine andere Aufgabe als Freunde
Wenn Sie an Ihren besten Freund oder Ihre beste Freundin denken, was fühlen Sie da? Diese Freundschaft wird womöglich auf Augenhöhe stattfinden. Sie ist gleichberechtigt, teilt Interessen, hört einander zu und trifft Entscheidungen gemeinsam. Grundsätzlich sind Sie jedoch nicht für den anderen und seine Entwicklung und dem Erfüllen von Bedürfnissen verantwortlich.
In der Beziehung zu Ihrem Kind, sieht das anders aus. Kinder benötigen jemanden, der Ihnen Orientierung gibt, Verantwortung übernimmt und Grenzen setzt. Sie brauchen einen sicheren Rahmen, indem sie sich ausprobieren, Fehler machen und wachsen können. Genau das ist Ihre Aufgabe als Eltern.
Ihre Kinder müssen Sie nicht immer mögen oder jede Entscheidung, die Sie treffen gut finden. Sie sind dafür verantwortlich, dass sich Ihr Kind sicher, gesehen und geliebt fühlt. Auch dann, wenn Sie einmal „Nein“ sagen müssen.
Und jetzt einmal ganz ehrlich. Wer möchte schon gerne die Mama oder der Papa sein, die dem Kind den Medienkonsum begrenzt, das Aufräumen einfordert oder eine Verabredung nicht erlaubt? Wahrscheinlich niemand.
Wenn man zu zweit zu Hause ist, kann man sich diese Aufgabe teilen. Alleinerziehende müssen alles auffangen. Sie sind die Bösen und die Guten, und immer in allem die ersten Ansprechpartner. Zudem tragen Sie die alleinige Verantwortung.
Liebe bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein
Jedoch bedeutet Erziehung eben auch, Entscheidungen zu treffen, die dem Kind vielleicht gerade nicht gefallen. Kinder können nicht immer einschätzen, was langfristig gut für sie ist. Sie benötigen Sie als Erwachsene, die Ihnen dabei helfen.
Wenn Sie aus Angst vor Konflikten ständig nachgeben, vermitteln Sie unbewusst: Deine Wünsche sind wichtiger als Regeln und Grenzen. Das kann Ihr Kind verunsichern. Denn Grenzen geben Ihrem Kind Halt. Sie zeigen, da ist jemand, der Verantwortung übernimmt und auf mich aufpasst.
Ein liebevolles Nein ist deshalb kein Zeichen mangelnder Nähe, sondern ein Ausdruck der Fürsorge.
Kinder brauchen keine Eltern, die Ihnen alles erzählen
Wichtig zudem ist, dass Sie Ihrem Kind nicht alles erzählen müssen oder sollten. Es ist wichtig, dass Sie ehrlich mit ihrem Kind sind, wenn Sie etwas beschäftigt, was Ihnen Sorge bereitet. Dies ist sogar wertvoll, denn Ihr Kind erlebt dann all Ihre Gefühle und merkt das auch Sie Fehler machen, und sich z.B. entschuldigen können. Trotzdem sollten Sie Ihr Kind nicht zu Ihrem wichtigsten Gesprächspartner machen. Auch dann nicht, wenn Sie mit Ihrem Kind alleine sind, und dort nicht immer sofort ein Erwachsener Gesprächspartner ist. Es kann passieren, dass Ihr Kind dann das Gefühl bekommt, für Ihr Glück, Ihre Stimmung oder die Beziehung verantwortlich zu sein.
Ein Kind muss nicht die beste Freundin ersetzen, die sich jeden Abend die Sorgen über ihren Job anhört. Und es muss auch nicht der beste Kumpel von Papa sein, der ihn emotional auffängt, wenn es ihm schlecht geht.
Dafür gibt es andere Erwachsene, Freunde, und Partner. Kinder dürfen Kinder sein und sollten niemals die emotionale Verantwortung für ihre Eltern tragen müssen.
Wir müssen nicht die Coolsten sein – sondern die Verlässlichsten
Das bedeutet nicht, dass Sie streng, distanziert oder autoritär sein müssen. Sie dürfen mit Ihrem Kind lachen und gemeinsam unglaublich viele Abenteuer erleben. Sie dürfen gemeinsam quatsch machen, albern sein, und Geheimnisse teilen. Sie dürfen die Vertrauensperson sein, zu der Ihr Kind jederzeit kommen kann. Jemand der zuhört, nicht sofort bewertet, und auch schwierige Gefühle aushält. Ich habe meiner Tochter einmal gesagt, als Sie größer wurde, und anfing auf Partys zu gehen. Egal wo du bist, ruf mich an, wenn du mich brauchst. Egal wo du bist. Ich hole dich ab, ohne Fragen zu stellen, ohne zu meckern. Nur, ruf mich an! Wissen Sie was, alles andere kann ganz entspannt am nächsten Tag geklärt werden.
Wichtig die ganze Zeit ist wirklich nur eines: Verwechseln Sie niemals Ihre Rolle mit der eines Freundes.
Sie sind der sichere Hafen Ihres Kindes. Sie brauchen jemanden der bleibt, auch wenn sie wütend sind, Türen knallen oder uns gerade überhaupt nicht leiden können.
Ich spreche aus Erfahrung, es ist manchmal schwer auszuhalten, wenn das eigene Kind lieber Zeit mit seinen Freunden verbringt, unsere Regeln blöd findet, oder uns nicht alles erzählt. Doch das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Kinder lösen sich nach und nach von Ihren Eltern, entwickeln eigene Meinungen und suchen Ihren Platz in der Welt.
Sie müssen nicht mit dem besten Freund oder der besten Freundin Ihres Kindes konkurrieren. Ihre Aufgabe ist es, eine Beziehung und Bindung aufzubauen, die auch dann trägt, wenn Ihr Kind seinen eigenen Weg geht. Kinder, die auch wenn sie erwachsen sind, gerne nach Hause kommen, wo Ihr Lieblingsgetränk sie erwartet, die besondere Kuscheldecke auf dem Sofa, die Schublade mit den Süßigkeiten, der Geruch von Zuhause und eine feste Umarmung. Dieses kleine Auftanken ist mehr wert als alles andere. Hinterher kann sich dann Ihr Kind wieder vollkommen selbstständig und frei in der Welt zurechtfinden.
Bleiben Sie dieses Zuhause, denn das bedeutet die Welt!
